https://www.bmuv.de/RE10129
15.06.2022

Rede von Steffi Lemke bei der Veranstaltung "Soziale Innovationen für Nachhaltige Entwicklung – SINA"

Bundesumweltministerin Steffi Lemke hält zur Auftaktveranstaltung zum ReFo-Vorhaben "Soziale Innovationen für Nachhaltige Entwicklung – SINA" eine Rede.

– Es gilt das gesprochene Wort –

Sehr geehrte Damen und Herren,

Was haben Carsharing, Pop-up Gärten und Repair-Cafés gemeinsam? Alle drei sind Soziale Innovationen für Nachhaltigkeit. Innovationen, die gleichzeitig Umwelt und Klima schützen, unsere Abhängigkeit von importieren Rohstoffen reduzieren und dabei ganz nebenbei unseren Alltag verbessern.

Solche Lösungen sind heute notwendiger denn je. Denn wir leben in krisenhaften Zeiten.

  • Der Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine verursacht massives Leid vor Ort. Menschen sterben, es werden Kriegsverbrechen begangen. Seine Folgen sind mittlerweile weltweit spürbar: Putin setzt Hunger als Waffe ein und gefährdet damit die Ernährungssicherheit im Globalen Süden.
  • Wirtschaft und Gesellschaft spüren noch immer die Folgen der Corona-Pandemie. Beides gemeinsam führt dazu, dass die globalen Liefer- und Logistikketten massiv gestört sind und die Preise für Verbraucherinnen und Verbraucher steigen.
  • Und gleichzeitig spitzen sich die existenziellen Umweltkrisen weiter zu – allen voran die Klimakrise und das Artenaussterben.

In dieser Situation sind vor allem solche Lösungen gefragt, die mehrere Herausforderungen gleichzeitig angehen. Innovationen können dafür ein zentraler Hebel sein. Beim Stichwort Innovation denken Viele erstmal an technische und technologische Neuerungen: E-Autos, immer effizientere Solaranlagen oder CO2-freien Stahl. Vielleicht, weil die deutsche Wirtschaft eine besonders starke Kompetenz mitbringt für technische Erfindungen und Neuerungen.

Um die aktuellen Herausforderungen zu bewältigen, brauchen wir jedoch viel mehr als das. Die Klimakrise oder das Artenaussterben werden wir nicht mit dem E-Auto bremsen, nicht mit innovativer Technik alleine. Was wir brauchen, ist eine umfassende, sozial-ökologische Transformation. Und die betrifft die gesamte Gesellschaft und die gesamte Wirtschaft – die Art und Weise, wie wir Güter produzieren, uns ernähren, uns fortbewegen, wie wir bauen und wohnen, wie wir mit Ressourcen umgehen.  

Das heißt auch: neue Prozesse, soziale Praktiken und Organisationsmodelle, wie zum Beispiel Genossenschaften, Sozialunternehmen oder Bürgerbeteiligungen, die die sozial-ökologische Transformation voranbringen und uns krisenfester machen. Genau das sind Soziale Innovationen. Darum soll es heute gehen. Ich möchte einsteigen mit ein paar Beispielen:

  • Vielleicht kennen Sie die Mobile App "Too Good To Go". Sie verbindet Restaurants und Geschäfte mit Kundinnen und Kunden, die überschüssige Lebensmittel verbilligt kaufen und abholen wollen. So müssen Restaurants, Cafés, Supermärkte und Hotels diese nicht entsorgen. Die App setzt damit ein Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung und nützt gleichzeitig Menschen mit geringem Einkommen. Diesen innovativen Ansatz hat das Bundesumweltministerium 2017 mit dem Bundespreis Ecodesign ausgezeichnet.
  • Eine andere schöne Initiative kenne ich aus meiner Heimatstadt: die "Urbane Farm Dessau". Der Verein hat auf einer städtischen Brache einen Gemeinschaftsgarten angelegt, in dem die Nachbarschaft gesunde Nahrungsmittel anbaut. Rund um den Gemeinschaftsgarten gibt es Bänke, auf denen man sitzen und Bienen, Hummeln und Schmetterlinge beobachten kann oder einen Plausch mit der Nachbarschaft hält. Außerdem bietet die urbane Farm Kurse an, etwa Gärtnern für Anfänger.
  • Mein drittes Beispiel ist die digitale Plattform "Resourcify". Sie ermöglicht die Wiederverwendung von Baumaterialien, mithilfe von digitalen Materialpässen und einer Matchingfunktion für Neubauprojekte.
  • Und zuletzt die Suchmaschine Ecosia – übrigens die Standardsuchmaschine an den Computern hier im BMUV. Ihre Einnahmen werden genutzt, um weltweit Aufforstungsprojekte zu finanzieren und Menschen in den Pflanzgebieten zu unterstützen. Schön dass Sie, Herr Kroll, als Gründer und Geschäftsführer von Ecosia, heute mit dabei sind.

Ich könnte diese Aufzählung von Erfolgsprojekten endlos fortsetzen – viele von Ihnen hier im Raum haben Ihre eigenen Ideen und Projekte mitgebracht. Genau diese Art von Innovationen brauchen wir, um die sozial-ökologische Transformation voranzubringen.

Dennoch werden Soziale Innovationen und ihre Potenziale für den Umwelt- und Klimaschutz bislang in Deutschland zu wenig wahrgenommen, gewürdigt und gefördert. Politik und Gesellschaft haben bisher eher die technischen Innovationen im Blick gehabt. Bei Sozialen Innovationen haben wir noch Nachholbedarf, auch was das Überwinden von bürokratischen Hürden betrifft.

Das will ich ändern.

Ich möchte explizit innovative Prozesse, soziale Praktiken und Organisationsstrukturen fördern, die die sozial-ökologische Transformation voranbringen. Ich bin überzeugt, dass auch Klima- und Umweltschutz Treiber für Soziale Innovationen sein können und damit gleichzeitig Treiber für qualifizierte und fair bezahlte Arbeitsplätze.

Wie dies am besten gelingen kann, das untersucht das Vorhaben "SINA – Soziale Innovationen für Nachhaltigkeit", welches das Bundesumweltministerium ins Leben gerufen hat. SINA soll Vorschläge erarbeiten, wie Soziale Innovationen für Nachhaltigkeit besser gefördert werden können, sei es durch finanzielle Unterstützung oder durch eine Verbesserung der politischen Rahmenbedingungen. Dabei soll das grundlegende Verständnis von Sozialen Innovationen gefördert werden, aber auch Lücken in Forschung und Förderlandschaft identifiziert und konkrete Handlungsempfehlungen erarbeitet werden.

Die Unterstützung Sozialer Innovationen ist auch im Koalitionsvertrag als eigenes Ziel festgehalten. Ressortübergreifend erarbeiten wir derzeit eine nationale Strategie für Sozialunternehmen. Ein Ziel ist es, damit Soziale Innovationen stärker zu unterstützen. In diese Prozesse sollen die konkreten Ergebnisse aus SINA einfließen, deshalb brauchen wir auch das Feedback aus der Praxis. Dem soll der heutige Austausch dienen.

Wir möchten von Ihnen wissen:

  • Wie kann die Politik Soziale Innovationen für Nachhaltigkeit noch gezielter fördern?
  • Wo liegen die zentralen Hürden?
  • Und was brauchen Sie, um mit Ihren Sozialen Innovationen erfolgreich zu sein?

Als Gesellschaft sind wir darauf angewiesen, dass sich möglichst viele Menschen auf die Suche nach innovativen Ansätzen begeben und damit Verhaltensänderungen in allen Gesellschaftsbereichen begünstigen. Soziale Innovationen für Nachhaltigkeit können von unterschiedlichsten Akteurinnen und Akteuren entwickelt und umgesetzt werden: von einzelnen Gründerinnen und Gründern, Startups, Vereinen, Verbänden, Organisationen, Stiftungen, Kooperativen, Kommunen, Landkreisen, Regionen und Unternehmen.

Ich freue mich deshalb, dass Sie heute hier in dieser Breite vertreten sind. Ich freue mich sehr über Ihr Engagement. Und bin gespannt auf einen intensiven Austausch.

Vielen Dank.

15.06.2022 | Rede Nachhaltigkeit