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31.05.2022

Rede von Steffi Lemke bei der Veranstaltung "Zukunftsfähige Textilwirtschaft gemeinsam auf den Weg bringen"

Bei der Veranstaltung "Zukunftsfähige Textilwirtschaft gemeinsam auf den Weg bringen" hielt Bundesumweltministerin Steffi Lemke eine Rede.

- Es gilt das gesprochene Wort -

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

herzlich Willkommen im Bundesumweltministerium! Ich freue mich, Sie in so großer Zahl persönlich begrüßen zu können.

Ursprünglich sollten auf dieser Veranstaltung vor allem die Ergebnisse eines Forschungsvorhabens aus dem Umweltbundesamt zu Textilfasern diskutiert werden. In der Zwischenzeit hat es aber auf europäischer Ebene wichtige Entwicklungen für die Mode- und Textilindustrie gegeben: Vor wenigen Wochen hat die Europäische Kommission ihre Textilstrategie vorgestellt. Ich möchte deshalb die Gelegenheit nutzen und Ihnen die darin geplanten Maßnahmen vorstellen und aus Sicht des Bundesumweltministeriums bewerten.

Die EU-Textilstrategie ist lange überfällig, sie hätte auch 10 bis 15 Jahre früher kommen können, denn mindestens so lange gibt es den Trend zu "Fast Fashion". Sie alle wissen, was dieser Trend für Mensch und Umwelt bedeutet.

An dieser Stelle setzt die EU-Textilstrategie an: Künftig soll es verbindliche Anforderungen für ökologisches Design geben für alle Textilien, die im europäischen Binnenmarkt vertrieben werden. Das ist überaus sinnvoll, denn die Designphase bestimmt bis zu 80 Prozent der Umweltauswirkungen eines Produkts über den gesamten Lebenszyklus hinweg.

Die entscheidende Frage lautet jetzt: Wie kann das umgesetzt werden?

Eine Möglichkeit kennen Sie alle: die Energieeffizienz-Label mit der Skala A-G an Waschmaschinen, Spülmaschinen oder anderen Geräten. Dabei handelt es sich um die EU-Energieverbrauchskennzeichnung. Sie geht zurück auf die EU-Ökodesign-Richtlinie. Je nach Produktgruppe werden dort Anforderungen und Grenzwerte festgelegt, ab wann ein Produkt zum Beispiel ein "A" oder "B" tragen darf. Dieses wichtige Instrument gilt aber bisher nur für Produktgruppen, bei denen der Energieverbrauch relevant ist. Das soll sich jetzt ändern.

Zeitgleich mit der Textilstrategie hat die Europäische Kommission die Sustainable Products Initiative, kurz SPI, vorgestellt. Die SPI soll perspektivisch die Ökodesign-Richtlinie ersetzen. Die wichtigste Änderung: Die SPI soll künftig für wesentlich mehr Produktgruppen gelten. Grundsätzlich können alle Produktgruppen durch die SPI reguliert werden – mit Ausnahme von Lebensmitteln. Textilien wurden von der Kommission explizit als Pilotgruppe benannt.

Für Verbraucherinnen und Verbraucher sind diese Regelungen extrem hilfreich. Sie sollen künftig auf einen Blick erkennen, wie nachhaltig ein Bekleidungsstück ist. Das trägt zur Transparenz bei. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg, denn die methodischen Herausforderungen sind enorm. Sie werden vermutlich zustimmen, dass es einfacher ist, die Energieeffizienz einer Spülmaschine mit A-G zu bewerten, als das ökologische Design einer Jeans.

Später sind Sie eingeladen, in einem Workshop einen Entwurf für eine Klassifizierung zu erarbeiten. Die EU-Textilstrategie nennt dafür verschiedene Aspekte, unter anderem Haltbarkeit, Reparierbarkeit und Einsatz von Rezyklatfasern. Für diese Aspekte will die Kommission Mindestanforderungen festlegen, jeweils für die verschiedenen Bewertungsstufen.

Perspektivisch sollen die untersten Qualitätsstufen nicht mehr im Binnenmarkt vertrieben werden dürfen, genau wie das auch schon heute bei der Ökodesign-Richtlinie der Fall ist. Eine Schwelle dafür muss noch definiert werden.

Im Bundesumweltministerium sind wir uns mit dem Wirtschafts- und Klimaministerium einig darüber, dass der Textilsektor differenziert betrachtet werden muss. Technische Textilien, Funktionsbekleidung oder Heimtextilien müssen anders begutachtet werden als reguläre Alltagsbekleidung.

Wir werden den Fokus setzen auf "Fast Fashion". Denn das ist Bekleidung von minderer Qualität, mit geringer Haltbarkeit, ohne Anreize zur Reparatur und mit Fasermixen, die ein hochwertiges Recycling erschweren.

Den Fasern kommt in der EU-Textilstrategie eine entscheidende Rolle zu. Denn die Kommission verfolgt dafür das Ziel eines geschlossenen Stoffkreislaufs und benennt auch die Maßnahmen, die dafür nötig sind. Drei davon will ich hervorheben:

Erstens: Schon seit mehreren Jahrzehnten wird noch tragfähige Second-Hand-Bekleidung in Ländern außerhalb Europas vermarktet. Dabei kann es dazu kommen, dass Textilien, die eigentlich Abfall sind, bei der Ausfuhr fälschlicherweise als Gebrauchtwaren eingestuft werden. Das soll künftig vermieden werden. Durch den Trend zu „Fast Fashion“ wird das Problem immer virulenter, deshalb ist es umso wichtiger, dass wir mit diesen nicht mehr tragfähigen Alttextilien etwas Sinnvolles anfangen – und damit meine ich nicht eine Ausweitung des Downcyclings zu Putzlappen oder die sogenannte "thermische Verwertung", also Verbrennung.

Zweitens: Im Moment wird weltweit weniger als ein Prozent des für Textilien eingesetzten Materials erneut für die Herstellung von Bekleidung verwendet. Das soll sich ändern. In den kommenden Jahren soll die Infrastruktur für ein hochwertiges "Faser-zu-Faser"-Recycling im industriellen Maßstab aufgebaut werden. Deutschland ist ein weltweit anerkannter Standort in der Textilforschung. Dieses Innovationspotenzial wollen wir im Bundesumweltministerium nutzen und gemeinsam mit dem Wirtschaft- und Klimaministerium und der Europäischen Kommission so genannte "Recycling-Hubs" errichten, die den gesamten Wertschöpfungsprozess abbilden. Das Ziel ist die Herstellung von hochwertigen und sortenreinen Rezyklatgarnen für die erneute Verwendung in Kleidung.

Solche Garne kann man derzeit nur dann sortenrein herstellen, wenn bei der Sortierung die Zusammensetzung der Fasern zweifelsfrei erkannt wird – und zwar elektronisch. Deshalb wird der Digitale Produktpass auch für Textilien verpflichtend.

Für diese Rezyklatgarne muss ein Markt geschaffen werden. Und aus meiner Sicht setzt die Europäische Kommission in der Textilstrategie dafür den richtigen Anreiz: Künftig sollen Textilien, die im Binnenmarkt vertrieben werden, verpflichtend einen Anteil an Rezyklatfasern enthalten. Damit ist explizit nicht der Einsatz von rezykliertem PET aus Getränkeflaschen gemeint. Ich begrüße, dass es gegen diese weit verbreitete Form des Greenwashings ein koordiniertes Vorgehen geben soll.

Drittens: Ein geschlossener Stoffkreislauf muss auch finanziert werden. Und die bisher im Verkaufspreis nicht ausgewiesenen Kosten für Mensch und Umwelt müssen besser sichtbar werden. Mit der EU-Textilstrategie soll deshalb europaweit eine erweiterte Herstellerverantwortung eingeführt werden. Konkret hieße das, dass Inverkehrbringer eine gestaffelte Gebühr für die Sammlung und Verwertung von Textilien zahlen: je ökologischer das Design, desto weniger wird fällig. "Öko-Modulation" der Gebühren ist der Begriff, der dafür verwendet wird. Ein erheblicher Anteil der Beiträge sollen in Maßnahmen zur Abfallvermeidung und in die Vorbereitung zur Wiederverwendung investiert werden. Im Bundesumweltministerium prüfen wir gerade, wie die erweiterte Herstellerverantwortung in Deutschland umgesetzt werden soll. Es ist uns wichtig, dass die bestehenden Strukturen in diese Überlegungen mit einbezogen werden und dass insgesamt eine möglichst unbürokratische Lösung gefunden wird.

Aus meiner Sicht sind das gute Vorschläge der Europäischen Kommission. Zusätzlich brauchen wir ein verändertes Konsumverhalten: "Fast Fashion" darf nicht weitere zehn Jahre lang den Markt bestimmen. Ich bin überzeugt, dass langlebige und reparierbare Bekleidung die bessere Alternative ist. Denn sie ist qualitativ hochwertig und zeitlos.

Gemeinsam mit dem Wirtschafts- und Klimaministerium hat das Bundesumweltministerium die Federführung bei der Umsetzung der EU-Textilstrategie. Wir arbeiten eng zusammen und möchten gerne mit Ihnen ins Gespräch kommen.

Wir teilen die Auffassung, dass bestehende und funktionierende Strukturen nach Möglichkeit erhalten bleiben sollten. In den kommenden Monaten werden wir Sie weiter einbinden in Form von Branchendialogen. Auch die Europäische Kommission plant entsprechende Formate.

Jetzt wünsche ich Ihnen eine spannende und informative Veranstaltung.

Herzlichen Dank für Ihr Engagement!

31.05.2022 | Rede Konsum und Produkte