Nachhaltigkeit in der Baubranche: Eine Großbaustelle?

01.06.2022

Die Baubranche hat vielfältige Auswirkungen auf Klima und Umwelt. Wie kann sie nachhaltiger werden?

Die Baubranche wächst, in Deutschland und weltweit. Vor allem in Städten werden immer mehr neue Straßen und Gebäude gebaut. Dadurch steigt auch der Bedarf an Baustoffen wie Beton, Stahl, Glas oder Holz. Sie sind regional so stark gefragt, dass zum Teil lange Wartezeiten für die Baubetriebe entstehen. Weil die Materialien so knapp sind, steigen auch die Preise. So sind beispielsweise Bauholz, Betonstahl oder Sand in den vergangenen Jahren deutlich teurer geworden. Sand ist in manchen Teilen der Welt inzwischen so wertvoll, dass ganze Strände gestohlen werden. Weltweit ist die Bauindustrie einer der größten Verbraucher natürlicher Ressourcen wie Holz, Sand, Kies oder Gestein. Der Abbau dieser Ressourcen schädigt die Umwelt und das Klima. Mit Blick auf eine nachhaltige Entwicklung steht die Baubranche daher vor großen Herausforderungen.

Rohstoffabbau

Welche Folgen hat der Bauboom für Klima und Umwelt?

Die Bauindustrie verarbeitet laut Umweltbundesamt mehr als 70 Prozent aller abgebauten Rohstoffe in Deutschland. Der Abbau dieser natürlichen Ressourcen ist oft mit großen Eingriffen in die Umwelt verbunden und trägt zur Klimaerwärmung bei. 

Beton ist ein wichtiger Baustoff für die Bauindustrie. Er wird überwiegend aus Sand, Kies und Zement hergestellt. Die Herstellung von Zement verbraucht große Mengen Energie. Entsprechend hoch ist der Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase. Zement war laut der Umweltorganisation WWF im Jahr 2017 für acht Prozent des globalen und zwei Prozent des deutschen Treibhausgasausstoßes verantwortlich. 

Sand und Kies werden mittlerweile in vielen Regionen knapp. Vor allem der Abbau wirkt sich negativ auf die Umwelt aus: die Artenvielfalt leidet, Gewässer und Grundwasser können verschmutzt, der Wasserspiegel und die Landschaft verändert werden. 

Werden Sand und Kies im Meer abgebaut, hat dies gravierende Folgen für die Lebewesen am Meeresboden. Sie werden oftmals gemeinsam mit den Rohstoffen abgebaggert. Dadurch wird der Ozeanboden unwiederbringlich verändert und die Vielfalt der Arten nimmt meist ab. An Küsten kann der Sandabbau dazu führen, dass die Landfläche kleiner wird. Dies hat sogar bereits zum Verschwinden einiger Inseln geführt.

Neben dem Abbau der Rohstoffe und der Herstellung der Baustoffe erzeugt auch der Transport Treibhausgase, die das Klima schädigen. Große Mengen Treibhausgase entstehen überdies vor allem dort, wo viel Strom oder Wärme benötigt werden und diese noch mit fossilen Rohstoffen erzeugt werden – beispielsweise bei der Herstellung von Zement oder auch Stahl. 2018 stammten laut Umweltbundesamt nur 2,4 Prozent der im Baugewerbe eingesetzten Energie aus erneuerbaren Energien wie Wind-, Wasser- oder Sonnenenergie. 

Doch nicht nur der Rohstoffabbau, der Transport und die Produktion von Baumaterialien sind nicht nachhaltig. Die Baubranche verbraucht sehr viele Flächen: Überall dort, wo neue Gebäude oder Straßen errichtet werden, wird Fläche bebaut und versiegelt. Häufig befanden sich dort zuvor Grünflächen und somit Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Die Versiegelung des Bodens führt dazu, dass kaum Wasser oder Luft auf die Böden trifft. Die entsprechenden Funktionen des Bodens gehen damit verloren. Die Siedlungs- und Verkehrsfläche in Deutschland ist von 2016 bis 2019 im Durchschnitt jeden Tag um 52 Hektar gewachsen. Das entspricht etwa der Fläche von 52 Fußballfeldern, die jeden Tag versiegelt werden.

Mehr über die Bedeutung der Böden für Mensch und Natur im Thema "Boden ist wertvoll“.

Wohnungsbau

Die Nachfrage nach Wohnraum wächst

In Deutschland ist die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner gestiegen. Waren es 2011 noch 80,4 Millionen, stieg die Zahl bis 2019 auf 83,2 Millionen Personen. Außerdem ziehen viele Menschen vom Land in Städte und Ballungsgebiete. Daher ist vor allem dort der Bedarf nach zusätzlichem Wohnraum hoch. Zudem leben immer mehr Menschen allein: 2020 lebten 16,48 Millionen Menschen in Single-Haushalten. Zusätzlich wächst die Wohnfläche pro Kopf: Zwischen 2011 und 2020 ist sie von 46,1 auf 47,7 Quadratmeter gestiegen.

Lösungsansätze

Sanieren und Recyceln: Nachhaltigkeit in der Baubranche

Welche Ansätze gibt es in der Baubranche, um nachhaltig zu werden? Hier wird an unterschiedlichen Stellen angesetzt: alternative Rohstoffe nutzen, ressourcensparende Bauweisen anwenden und ältere Gebäude sanieren, anstatt sie abzureißen und neu zu errichten.

Zu den alternativen Rohstoffen gehört zum Beispiel recycelter Beton. Wenn dieser auf einer Baustelle zum Einsatz kommt, wird weniger Sand und Kies benötigt. Laut Umweltbundesamt kann durch aufbereitete recycelte Materialien aus abgerissenen Gebäuden bis 2050 mehr als ein Drittel der Mengen an Sand und Kies eingespart werden.

Außerdem können vermehrt traditionelle Baustoffe wie Holz und Lehm zum Einsatz kommen. Dank moderner Verarbeitungsmethoden erfüllen sie heutzutage vergleichbare Anforderungen wie Beton und Stahl. 

Holz ist ein klassisches Beispiel für einen nachwachsenden Rohstoff. Bäume nehmen während ihres Wachstums das Treibhausgas CO2 aus der Luft auf und speichern es im Holz in Form von Kohlenstoff. Wenn das Holz dann in Gebäuden verbaut wird, ist das Gas für längere Zeit aus der Atmosphäre entfernt. Dadurch wird das Klima geschont. Außerdem benötigt die Herstellung von Baumaterialien aus nachwachsenden Rohstoffen in der Regel wenig Energie. Dabei ist es von Vorteil, wenn die Rohstoffe aus der Region stammen. So bleiben die Transportwege kurz. Außerdem können nachwachsende Rohstoffe später beim Abriss des Gebäudes einfacher entsorgt werden. 

Auch Materialien für die Wärmedämmung können aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen werden: Um die Häuser im Winter innen warm und im Sommer kühl zu halten, können Holzfasern, Zellulose aus Altpapier, Hanf, Flachs, Schafwolle, Stroh, Schilf und sogar Seegras verwendet werden. 

Darüber hinaus kann auch die Architektur einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten. Denn bereits bei der Planung von Gebäuden kann darauf geachtet wird, dass beim Bauen nur wenig Fläche und Materialien benötigt werden. 

Nicht nur beim Bau eines Gebäudes entstehen Treibhausgase, sondern auch während der Nutzung. Deshalb ist es auch wichtig, beim Bauen auf die Energieeffizienz zu achten. Das heißt, dass ein Gebäude sparsam mit Energie umgeht, indem es zum Beispiel gut gedämmt ist, über eine moderne Heizung verfügt, erneuerbare Energien produziert und eine lange Lebensdauer hat. Das schont nicht nur die Umwelt und das Klima, sondern auch den Geldbeutel der Bewohnenden.

Holzständerbau

Mit Holz hoch hinaus

Ganze Häuser können im sogenannten Holzständerbau errichtet werden: Ein Raster aus waagerechten und senkrechten Balken wird so mit Holzplatten verkleidet, dass sich stabile Wandelemente ergeben. Diese Bauweise ist relativ günstig und schnell umzusetzen. Selbst 85 Meter hohe Hochhäuser können so aus Holz gebaut werden. In einer Mischbauweise können auch Holz, Lehm und Beton gemeinsam verwendet werden. So können Baustoffe, die weniger nachhaltig sind, eingespart werden.

Politische Ansätze

Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit im Baugeschäft

Die weltweite Vereinigung der Betonbranche (Global Cement and Concrete Association) plant, den eigenen CO2-Ausstoß bis 2030 gegenüber 2020 um ein Viertel zu reduzieren. Im Jahr 2050 plant die Branche, treibhausgasneutral zu sein. Das bedeutet, dass nicht mehr Treibhausgase ausgestoßen als auf andere Weise (zum Beispiel durch Wälder) gebunden werden. Um das zu erreichen, wird auch immer mehr Holz als Baumaterial verwendet. 

Zahlreiche politische Förderungen und Kreditprogramme streben überdies an, mehr Nachhaltigkeit in den Gebäudesektor zu bringen. Das Bundesbauministerium hat außerdem das "Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen" entwickelt. Es dient dazu, Nachhaltigkeit im Bausektor messen und vergleichen zu können. Auf europäischer Ebene formuliert die Bauproduktenverordnung seit 2011 Ziele für die nachhaltige Nutzung von Ressourcen in der Baubranche.

Nachhaltigkeitsziele

Die deutsche Nachhaltigkeitsstrategie im Bausektor

Die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie ist ein zentraler Baustein der Nachhaltigkeitspolitik in Deutschland. Sie verfolgt die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (UN) und umfasst somit auch nachhaltiges Bauen. In der Bauindustrie soll Folgendes umgesetzt werden: 

  • Energieeffizienz 
  • Erhalt der Biodiversität 
  • Ressourcenschonung und Nutzung von nachwachsenden Rohstoffen 
  • Reduzierung des Flächenverbrauchs 
  • nachhaltige Beschaffung von Produkten 
  • Einhaltung von Menschenrechten in der Lieferkette 
  • Sicherung von Gesundheit und Komfort von Nutzer*innen 
Was Einzelne tun können

Wie baue ich nachhaltig?

Beim Einkauf von Baumaterialien gibt es einige Siegel, die garantieren, dass die Produkte nachhaltig sind. Der Blaue Engel ist auf Produkten zu finden, wenn diese umweltfreundlich hergestellt wurden. Das FSC-Siegel und das PEFC-Siegel stehen für eine nachhaltige Holzwirtschaft und sind auf nachhaltigen Produkten aus Holz zu finden.  Das "Holz von Hier"-Umweltzeichen geht noch einen Schritt weiter: Es ist ein Herkunftsnachweis und setzt auf regionale Vermarktung. Das Logo "natureplus" weist speziell für den Bausektor nachhaltige Produkte aus. 

Wer darauf achtet, beim Bauen wenig neue Fläche zu verbrauchen, hat bereits einen großen Schritt in Richtung Nachhaltigkeit getan. Bestehende Gebäude zu sanieren oder zu modernisieren ist nachhaltiger, als Gebäude neu zu errichten. In Mehrfamilienhäusern lebt es sich in der Regel nachhaltiger als in Einfamilienhäusern. Und wer energieeffizient baut, erhält staatliche Förderungen und spart langfristig Kosten für teure Heizgebühren.

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