Zuviel Stickstoff in der Umwelt – Was tun wir?

Wie wirkt der Stickstoff-Ausstoß in der Umwelt und woher kommt er?

Stickstoff ist unverzichtbar für das Leben auf der Erde – etwa für das Pflanzenwachstum. Aber: Ein Übermaß von so genanntem reaktiven Stickstoff, der sich schnell mit anderen Stoffen verbindet, ist schlecht für Menschen, Tiere, Pflanzen: Die Luftqualität verschlechtert sich durch Stickstoffdioxid, Ammoniak und Feinstaub. Das Grundwasser wird durch Nitrat verunreinigt. Der Eintrag in den Boden lässt die Biodiversität schrumpfen und führt zu Eutrophierung und Versauerung der Ökosysteme. Lachgas führt zu Klimaänderungen. Die Folgen sind erheblich und ihre Vermeidung und Begrenzung kommen uns auch ökonomisch im wahren Wortsinn teuer zu stehen.

In Deutschland werden derzeit jährlich circa 1,5 Millionen Tonnen reaktiver Stickstoff freigesetzt. Den größten Anteil an den Stickstoff-Gesamtemissionen trägt die Landwirtschaft mit 67 Prozent, gefolgt vom Bereich Industrie und Energiewirtschaft mit 16 Prozent und Verkehr mit 11 Prozent. Um die Stickstoffemissionen in Wasser, Luft und Boden nachhaltig zu senken, sind Veränderungen in zentralen Bereichen des Wirtschaftens und Lebens notwendig, wie Landwirtschaft, Energieversorgung, Mobilität und unseren Konsumgewohnheiten.

In Deutschland wurde in der Luftreinhaltung und im Wasser- und Bodenschutz bereits einiges getan, um Stickstoffemissionen zu reduzieren. So konnten die Gesamtemissionen seit 1995 um circa 40 Prozent gemindert werden. In der Summe führten die Maßnahmen jedoch bisher nicht dazu, dass die in Europa geltenden Grenzwerte und Umweltqualitätsziele sicher eingehalten werden. Auch deshalb ist Deutschland mit so genannten Vertragsverletzungsverfahren beziehungsweise dessen Vorstufe, mit Pilotverfahren der EU wegen zu hoher Nitratbelastungen der Gewässer beziehungsweise zu hohen Stickstoffoxid- und Ammoniakemissionen in die Luft konfrontiert. Die Bundesregierung will darum alles Notwendige tun, um europarechtliche Verpflichtungen zur Minderung von Stickstoffeinträgen in Wasser und Luft sicher zu erreichen und damit Strafzahlungen an die EU abzuwenden.

Woran arbeitet das Bundesumweltministerium aktuell?

Nationales Gesamtemissionsziel für Stickstoff

Das BMUV erarbeitet derzeit einen Vorschlag für ein nationales Stickstoff-Gesamtemissionsziel sowie Maßnahmenvorschläge, wie dieses Stickstoffziel erreicht werden kann. Aus ökologischer Sicht ist es wünschenswert, dass in Deutschland flächendeckend alle Ökosysteme soweit vor hohen Stickstoffeinträgen geschützt sind, dass sie nicht beeinträchtigt werden und einem guten Umweltzustand aufweisen. Das im politischen Diskurs festzulegende Gesamtemissionsziel wird sich an den ökologischen Erfordernissen orientieren.

Wie kann die Problemwahrnehmung verbessert werden?

Die stickstoffverursachten Belastungen vermitteln sich wegen der oft komplexen und schleichenden Wirkungen nur eingeschränkt und verzögert. Die Stickstoffproblematik erfährt deshalb – so drängend und umfassend sie ist – bislang keine dem Problem angemessene Aufmerksamkeit. Das BMUV setzt sich dafür ein, dass die Öffentlichkeit besser über die Folgen erhöhter Stickstoffemissionen informiert somit ein Problembewusstsein geschaffen wird. Jede und jeder soll in die Lage versetzt werden, das eigene Verhalten anpassen zu können.

Zur Aufklärung und Information trägt auch der Umweltatlas "Reaktiver Stickstoff" bei, den das Umweltbundesamt veröffentlicht hat; eine übersichtliche, informative Internetseite, die das Umweltproblem und seine verschiedenen Fassetten anschaulich beleuchtet.

Erster Stickstoff-Bericht der Bundesregierung: "Stickstoffeintrag in die Biosphäre"

Um die Stickstoffemissionen effektiv zu mindern, verfolgt das BMUV den Ansatz einer nationalen Stickstoffminderungsstrategie. Der systemische Politikansatz bündelt die Kräfte aller beteiligten Gruppen und hilft das Umweltproblem in seiner Gesamtheit zu erfassen und zu lösen. Das bedeutet auch, dass jeder relevante Verursacherbereich seinen Beitrag zur Stickstoffminderung leisten muss. Um die Aufmerksamkeit für das Thema zu schärfen und die Haltung der Bundesregierung zur verdeutlichen, wurde am 31. Mai 2017 der erste Stickstoff-Bericht beschlossen. Die Initiative und Federführung ging vom BMUV aus.

Im ersten Stickstoff-Bericht der Bundesregierung wird deutlich: "… weltweit betrachtet [führen] die wachsende Bevölkerung, steigende Konsumniveaus, ein auf hohem Ressourceneinsatz beruhender Ernährungsstil, der Zuwachs des Individualverkehrs und der durch zunehmende Technisierung und Industrialisierung wachsende Energiebedarf zu einem Anwachsen der Stickstoffemissionen. …Trotz aller Anstrengungen, die deutliche Minderungserfolge erbracht haben, sind die Emissionen – gemessen an den gesundheits- und umweltpolitischen Zielen auf UN-, EU- und nationaler Ebene – weiterhin deutlich zu hoch. …Die Bundesregierung hat das generelle Ziel, Stickstoffemissionen auf ein umwelt- und gesundheitsverträgliches Maß zu reduzieren. Dazu verfolgt sie einen integrierten Minderungsansatz, der sich dabei sowohl an EU- als auch an international vereinbarten Zielen und Verpflichtungen orientiert."

Mitreden: Bürgerdialog zur Stickstoffproblematik

Zur Unterstützung der Arbeiten an der Stickstoffstrategie und möglichen Minderungsmaßnahmen wurde im Herbst 2019 ein "Bürgerbeteiligungsverfahren zur Stickstoffproblematik" durchgeführt an dem 110 Bürgerinnen und Bürger in vier Städten teilnahmen. Im Ergebnis konnten 16 Vorschläge für Stickstoffminderungsmaßnahmen in einem Bürgerinnen und Bürger Ratschlag mit dem Titel "Stickstoff: Zu viel des Guten!" zusammengeführt werden. Am 12. Februar 2020 haben 23 Teilnehmende des Beteiligungsverfahrens diesen Ratschlag der Bundesumweltministerin übergeben.

Expertenaustausch: Weltgrößte Stickstofffachkonferenz

Die globale Dimension der Stickstoffproblematik wurde im Rahmen der weltweit größten Stickstofffachkonferenz in den Fokus gerückt: Vom 30. Mai bis 3. Juni 2021 fand in Berlin die 8. Konferenz der International Nitrogen Initiative (INI) statt. Die INI veranstaltet als renommiertes Wissenschaftsnetzwerk etwa alle drei Jahre eine Konferenz mit Fokus auf aktuellste Forschungsergebnisse, politische Strategien und Maßnahmen zur Stickstoffminderung. Das Motto der INI lautete "Nitrogen and the Sustainable Development Goals" (SDGs), denn die Erreichung von mindestens neun der 17 Nachhaltigkeitsziele (SDGs) ist auch abhängig von einem nachhaltigen Umgang mit Stickstoff beziehungsweise einem guten Stickstoffmanagement. Teilnehmende aus 60 Ländern verfolgten die internationale Konferenz. Die Ausrichtung der INI 2021 wurde unterstützt durch das Umweltbundesamt (UBA) und das BMUV. Das Abschlussdokument der Konferenz, die "Berlin Declaration", fasst die Science-Policy-Schlussfolgerungen der Konferenz zusammen.

Stickstoff international

Die integrierte Problembetrachtung unter Beachtung des gesamten Stickstoffkreislaufs spiegelt auch die Haltung des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) wider: Die vierte Umweltversammlung der UNEP hat im März 2019 erstmalig eine Resolution zu "Sustainable Nitrogen Management" verabschiedet und damit die globale Handlungsnotwendigkeit unterstrichen. Im März 2022 wurde bei der fünften Umweltversammlung der UNEP darauf aufbauend eine weitere Resolution mit gleichem Titel verabschiedet. Zur kommenden, sechsten Umweltversammlung, im Februar 2024, wird über den Fortschritt beider Resolutionen berichtet werden.

Zudem werden aktuell im Prozess zur Überarbeitung der Konvention zur Biodiversität der Vereinten Nationen ambitionierte globale Stickstoffziele verhandelt. Die Abschlussveranstaltung zum Überarbeitungsprozess wird vom 7. bis 19. Dezember 2022 in Montreal, Kanada, stattfinden.

Auch in den verschiedenen Strategien des European Green Deal (zum Beispiel Zero Pollution Action Plan, Farm to Fork Strategie, Biodiversitätsstrategie) der EU-Kommission sind ehrgeizige Stickstoffminderungsziele enthalten. Gemäß Farm to Fork Strategie "…wird die EU-Kommission darauf hinwirken, die Nährstoffverluste um mindestens 50 Prozent zu reduzieren und gleichzeitig sicherzustellen, dass die Bodenfruchtbarkeit nicht beeinträchtigt wird. Dadurch wird der Einsatz von Düngemitteln bis 2030 um mindestens 20 Prozent reduziert“.