Fragen und Antworten zur AKW-Laufzeitverlängerung

Kernkraftwerk mit dampfendem Turm vor dem klaren blauen Himmel.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine stellt die Energieversorgung in Deutschland vor neue Herausforderungen. Die Bundesregierung trifft vielfältige Maßnahmen, um dieses Problem zu lösen. Vor diesem Hintergrund wird auch die Frage diskutiert, ob eine Verlängerung der Laufzeiten deutscher Atomkraftwerke einen Beitrag leisten könnte, die Energiesicherheit im Land zu sichern.

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz hat gemeinsam mit dem Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz bereits im Frühjahr 2022 geprüft, ob und welchen Beitrag ein Weiterbetrieb der letzten drei verbliebenen AKW über den 31. Dezember 2022 hinaus leisten könnte. Zu diesem Zeitpunkt müssen die Kraftwerke nach dem Gesetz über den Atomausstieg vom Netz genommen werden.

Das Ergebnis dieser Prüfung ist eindeutig: Der Beitrag einer AKW-Laufzeitverlängerung zur Energieversorgung wäre sehr begrenzt. Diesem geringen Beitrag stehen nicht nur eine Reihe praktischer Probleme gegenüber, sondern auch verfassungsrechtliche Schwierigkeiten und Aspekte der Sicherheit für Mensch und Umwelt. Ein Weiterbetrieb der drei verbliebenen AKW könnte, wenn überhaupt, nur erfolgen, wenn Abstriche bei der Sicherheit in Kauf genommen würden.

In der Abwägung von Vor- und Nachteilen ist daher das Ergebnis eindeutig: Eine Laufzeitverlängerung kann nicht empfohlen werden.

In der öffentlichen Debatte wird der Vorwurf erhoben, diese Prüfung sei nicht ergebnisoffen vorgenommen und ideologisch geprägt gewesen. Es werden Argumente angeführt, die die Prüfergebnisse der Ministerien entweder ignorieren oder verkürzen – etwa wenn die komplexe Fragestellung auf rein ingenieurtechnische Aspekte reduziert wird.

Die meisten der vorgetragenen Argumente sind nicht neu. Sie wurden bereits in den vergangenen Jahren immer wieder vorgebracht - oftmals von den Interessenvertretungen der Atomwirtschaft – und intensiv diskutiert.

Das BMUV hat sich mit der Kritik am Prüfvermerk zur Laufzeitverlängerung und den vorgebrachten Argumenten auseinandergesetzt. In diesem FAQ gehen wir auf die aktuelle Debatte ein und geben Antworten auf die am häufigsten gestellten Fragen.

FAQ AKW-Laufzeitverlängerung

Ändert die neue Situation, dass die Gaslieferungen Russlands aktuell eingeschränkt werden, etwas an den Ergebnissen der Prüfung vom März 2022?

Nein. Das Ergebnis der Prüfung hat Bestand. Es war ja genau ihr Gegenstand zu untersuchen, ob die Atomkraft in der Situation einer Gasmangellage einen Beitrag leisten kann, besser über den Winter 2022/23 zu kommen. Ebenso wurde geprüft, ob sie zumindest perspektivisch zu einer deutlichen Entspannung der Situation führen kann.

Inwiefern war die Prüfung des BMUV ergebnisoffen?

Es gab keine ideologischen Denkverbote für die Prüfung. Angesichts der schwierigen Situation, vor der die Energieversorgung in Deutschland steht, ist es selbstverständlich, ernsthaft zu prüfen, ob und welchen Beitrag die Atomkraft leisten kann. Deshalb wurde sowohl ein so genannter Streckbetrieb geprüft, der die Stromversorgung über den Winter 2022/23 zieht, wie auch eine Laufzeitverlängerung über mehrere Jahre.

In der Prüfung des BMWK und BMUV ging es um eine sachliche Betrachtung aller relevanten Aspekte. Denn die Verlängerung von Laufzeiten ist keine Frage, die sich allein auf die technische Machbarkeit beschränken kann und die allein dadurch erfolgen könnte, dass man die Anlage einfach weiterlaufen lässt.

Folgende Aspekte müssen berücksichtigt und am Ende in eine Abwägung gebracht werden:

  • Energiewirtschaftliche Betrachtung (Welchen Nutzen bringt es? Kann Atomstrom Gas ersetzen?)
  • Welche technischen Sicherheitsrisiken werden eingegangen?
  • Logistik/Sicherheitsorganisation (zum Beispiel: Stehen Brennelemente, qualifizierte Arbeitskräfte etc. zur Verfügung)?
  • Welche rechtlichen Erfordernisse gibt es insbesondere aufgrund des Grundrechteschutzes bei einer Gesetzesänderung zu beachten?
  • Nukleare Sicherheit (Kann die nach dem Stand von Wissenschaft und Technik erforderliche Schadensvorsorge gewährleistet werden?)

Insoweit sind in die Prüfung eine Vielzahl von Aspekten eingeflossen. Auch für den Fall, dass bestehende Herausforderungen gelöst werden können – wie im Bereich der Brennstoffversorgung – bleibt das Prüfergebnis eine Abwägungsentscheidung, in der "Kosten" und "Nutzen" zu berücksichtigen sind. Für das BMUV wiegen in der Abwägung insbesondere alle Aspekte rund um die Sicherheit besonders schwer, denn diese waren die Hauptgründe für den vom Deutschen Bundestag beschlossenen Atomausstieg. Unverhandelbar für das BMUV ist, die nukleare Sicherheit und die staatliche Pflicht zur Schadensvorsorge zu gewährleisten.

Im Zuge der Prüfung wurden auch Gespräche mit den AKW-Betreibern geführt. Diese ergaben, dass auch aus ihrer Sicht eine Laufzeitverlängerung mit rechtlichen und technischen Risiken verbunden wäre. Die AKW-Betreiber wären nicht bereit, diese Risiken zu tragen. Sie hätten im Falle einer Laufzeitverlängerung verlangt, dass der Staat ihnen sämtliche rechtlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Risiken abnimmt und die alleinige (Betreiber-)Verantwortung übernimmt. Und die Betreiber hätten in diesem Fall auch Abstriche bei der AKW-Sicherheit verlangt.

Wie positionieren sich die Bundesländer und die AKW-Betreiber?

Auf der Umweltministerkonferenz vom 13. Mai 2022 haben sich 15 Bundesländer parteiübergreifend explizit gegen eine AKW-Laufzeitverlängerung ausgesprochen. Auch die Konzernspitzen der AKW-Betreiber teilen wesentliche Positionen von BMWK und BMUV.

Wäre eine Laufzeitverlängerung ohne Abstriche bei der AKW-Sicherheit machbar?

Eine abrupte Änderung unternehmerischer Planungen hätte einen unmittelbaren Einfluss auf die Sicherheit. Die Verträge mit dem Personal und zu den technischen Ressourcen sind auf das Ende des Leistungsbetriebs am 31. Dezember 2022 ausgelegt. Eine notwendige Lieferung neuer Brennelemente würde über ein Jahr dauern. Selbst wenn nach dieser Zeit ein befüllter Kern zur Verfügung stünde, müsste ein dann erfolgender Neustart der Atomkraftwerke mit einer neu zusammengesetzten Mannschaft und nachgeholten Fachkundenachweisen erfolgen. Die organisatorischen und menschlichen Faktoren sind ganz entscheidend für die Sicherheit. Deshalb ist wegen solcher Umstände ein erhöhtes Risiko für den Betrieb wahrscheinlich.

AKW müssen in regelmäßigen Abständen grundlegend auf ihre Sicherheit überprüft werden, mit so genannten Periodischen Sicherheitsüberprüfungen (PSÜ). Eine solche Überprüfung dauert mehrere Jahre und hat in der Regel diverse Sicherheitsnachrüstungen zur Folge. Die letzte derartige Prüfung der drei verbliebenen AKW liegt inzwischen 13 Jahre zurück. Ein zusätzlicher Betrieb durch eine Laufzeitverlängerung würde daher ohne die Erkenntnisse aus einer PSÜ erfolgen und deshalb ein nicht hinnehmbares Risiko darstellen. Auf die PSÜ wird wegen ihrer Bedeutung in einer gesonderten Frage Bezug genommen.

Für das BMUV ist ausgeschlossen, für die Nutzung der Atomenergie einen Sicherheitsrabatt zu geben.

Was sagt das BMUV grundsätzlich zur Kritik an seinen Prüfergebnissen?

Das BMUV hat sich intensiv mit der Kritik an den Prüfergebnissen auseinandergesetzt. Aus Sicht des BMUV erscheinen allerdings insbesondere jene Behauptungen zur Machbarkeit einer Laufzeitverlängerung problematisch, die ihren Maßstab der Sicherheitsbewertung in dieser Frage erst gar nicht benennen. Manche Kritikpunkte ignorieren oder widersprechen der entsprechenden höchstrichterliche Rechtssprechung und wollen die nukleare Sicherheit in Deutschland abschwächen. Im Folgenden gehen wir auf häufig vorgebrachte Behauptungen im Detail ein.

Was sagt das BMUV zu Behauptungen, es habe das Fortbestehen der Betriebsgenehmigung eines AKW falsch gewürdigt?

Dies ist falsch. Entscheidend für die Stromproduktion eines AKW ist die Berechtigung zum Leistungsbetrieb. Die bloße Betriebsgenehmigung beinhaltet nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts gerade nicht die Berechtigung zum Leistungsbetrieb sondern legt nur das Betriebsreglement fest. Dies scheint manchen Kritikern der BMWK-BMUV-Prüfergebnisse nicht bekannt zu sein.

Wichtig ist außerdem: Für die Frage nach einer Laufzeitverlängerung ist eine Grundrechtsprüfung vorzunehmen. Das Bundesverfassungsgericht hat 2016 das Atomausstiegsgesetz als zulässige Einschränkung des genehmigten Leistungsbetriebs bestätigt. Dies bedeutet für die drei verbliebenen AKW: Auf Seiten der AKW-Betreiber ist das verfassungsrechtlich geschützte Vertrauen in den Fortbestand der Berechtigung zum Leistungsbetrieb als eigentumsrechtliche Position zum Ablauf dieses Jahres verbraucht. Dies trägt dazu dabei, dass eine Laufzeitverlängerung eher wie eine Neugenehmigung zu behandeln ist. Hinzu kommt: Auf Seiten der Bevölkerung besteht über dieses Jahr hinaus ein unvermindertes, verfassungsrechtlich geschütztes Vertrauen in den Schutz des Grundrechts auf Leben und körperliche Unversehrtheit nach höchstem Sicherheitsstandard. Derartige Aspekte bzw. Veränderungen im Verhältnis von sich gegenüberstehenden Grundrechten muss der Gesetzgeber berücksichtigen und entsprechend würdigen, sie wären auch im Falle von Klagen gegen eine Laufzeitverlängerung relevant, mit denen zu rechnen wäre.

Was sagt das BMUV zu Behauptungen, es habe einen zu strengen Sicherheitsmaßstab angelegt?

Besonders kritisch sieht das BMUV, dass manche Befürworter*innen von Laufzeitverlängerungen selbst erst gar keinen Maßstab angeben, der an eine derartige Frage bzw. Prüfung anzulegen ist. Derartige Behauptungen, Laufzeitverlängerungen wären möglich, ohne dabei den Sicherheitsmaßstab zu benennen, der erfüllt sein muss, sind unseriös und fachlich unqualifiziert.

Daneben wird teilweise behauptet, maßgeblich wären lediglich die sogenannten Sicherheitsanforderungen an Kernkraftwerke ("SiAnf") vom 22. November 2012. Der Maßstab für die Sicherheitsbewertung einer Genehmigungsbehörde ist nach dem Atomgesetz die nach dem Stand von Wissenschaft und Technik erforderliche Schadensvorsorge. Dieser Maßstab ist aber nicht ein einzelnes Regelwerk, schon gar kein zehn Jahre altes, im Kompromiss zustande gekommenes wie die SiAnf. Dieses Regelwerk sollte nicht den neuesten Stand der Reaktortechnik wiedergeben sondern auf Altanlagen zugeschnitten sein. Zwar ist der Gesetzgeber keine Genehmigungsbehörde, aber das Bundesverfassungsgericht hat diesen hohen Sicherheitsmaßstab aus den Grundrechten abgeleitet, so dass auch er daran gebunden ist. Hinzu kommt, dass nicht einmal gewährleistet ist, dass die laufenden Anlagen vollständig den SiAnf entsprechen, weil die nicht vollständig überprüft werden musste. Diese Einschränkung hat Bayern durchgesetzt.

Deshalb ist bei der Prüfung einer Laufzeitverlängerung der aktuelle Stand von Wissenschaft und Technik als Beurteilungsmaßstab anzulegen. Dieser muss, wie bereits der Name sagt, den aktuellen Stand der Technik berücksichtigen, der unter anderem durch aktuelle Reaktortypen wie den EPR (European Pressurized Reactor) definiert wird. Ferner sind nach aktuellem Stand der Wissenschaft auch Risiken zu prüfen, gegen die noch keine Schutzvorkehrungen entwickelt wurden.

Völlig unstrittig sollte sein, dass der strenge Stand von Wissenschaft und Technik erst recht nicht hinter Anforderungen zurückfallen darf, die schon längst gelten. Hierzu zählt beispielsweise diejenige, die der Gesetzgeber mit einer Atomgesetznovelle schon Mitte der 1990er Jahre an Genehmigungsentscheidungen zur AKW-Inbetriebnahme gestellt hat: Das AKW müsse so konstruiert sein, dass Auswirkungen eines Reaktorunfalls auf das AKW-Gelände beschränkt blieben. Dies erfüllt unstrittig keines der bestehenden deutschen AKW.

Entscheidend an dieser Stelle ist, dass dieser Umstand im Falle einer Laufzeitverlängerung anders als bei den Routineprüfungen zum Tragen kommt. Vereinfacht gesagt hat aus jeweils unterschiedlichen verfassungsrechtlichen Gründen einerseits die Atomaufsicht engere Grenzen, in den laufenden AKW-Betrieb einzugreifen, andererseits der Gesetzgeber bezüglich einer Laufzeitverlängerung nicht mehr den Eigentumsschutz der Betreiber sondern nur noch den Grundrechtsschutz der betroffenen Bürger*innen zu berücksichtigen. Daraus ergibt sich der deutlich strengere Maßstab.

Welche Bedeutung haben die sogenannten Periodischen Sicherheitsüberprüfungen?

Die Periodischen Sicherheitsüberprüfungen (PSÜ) dienen dazu, ergänzend zu den laufenden Kontrollen insgesamt ein AKW quasi auf Herz und Nieren zu prüfen. Es sind ganzheitliche Prüfungen, deren Blickwinkel über die Prüfungen im regulären AKW-Betrieb hinausgehen. Die regelmäßigen Kontrollen nach dem Prüfhandbuch (Wiederkehrende Prüfungen = WKP) überprüfen lediglich, ob die geltenden technischen Anforderungen erfüllt werden. Die PSÜ überprüfen darüber hinaus, ob sich aus dem Erkenntnisfortschritt weitere Sicherheitsanforderungen ergeben und wie diese durch Nachrüstungen zu erfüllen sind.

Die PSÜ nehmen einschließlich der Umsetzung von Nachrüstungen üblicherweise mehrere Jahre in Anspruch. Laut Atomgesetz müssen sie alle zehn Jahre durchgeführt werden. Auf die letzte PSÜ darf allerdings verzichtet werden, wenn der Betreiber des AKW verbindlich erklärt, nicht später als drei Jahre nach dem für die letzte PSÜ vorgeschriebenen Zeitpunkt den Leistungsbetrieb des AKW endgültig einzustellen. Der Gesetzgeber hat das so geregelt, weil eine derartig aufwändige Prüfung im Hinblick auf drei Jahre Restbetrieb wohl nicht verhältnismäßig gewesen wäre.

Für die verbliebenen drei AKW Emsland, Isar 2, Neckarwestheim 2 fand das letzte Mal im Jahr 2009 eine PSÜ statt. Das war zulässig, weil ihre Betreiber die verbindliche Erklärung abgegeben hatten, den Leistungsbetrieb einzustellen. Ihre Anlagen wurden also vor 13 Jahren das letzte Mal "auf Herz und Nieren" geprüft.

Bedenklich ist aus Sicht des BMUV, dass manche Befürworter einer Laufzeitverlängerung die Bedeutung dieser ganzheitlichen Sicherheitsüberprüfung herunterspielen und verzerren. Dabei ist die Rolle der PSÜ seit Jahrzehnten unmissverständlich klargestellt – im PSÜ-Leitfaden von 1997 und im internationalen Regelwerk. Übrigens sehen auch die Spitzen der AKW-Betreiberkonzerne die wichtige Rolle der PSÜ ähnlich wie das BMUV. Hinzu kommt, dass das Gesetz ein Erlöschen der Berechtigung zum Leistungsbetrieb nach der dreijährigen Verlängerung vorsieht. Es gibt also einer PSÜ so großes Gewicht, dass ohne sie unwiederbringlich Schluss für das betreffende AKW ist. Am 31. Dezember 2022 ist der Leistungsbetrieb der drei noch laufenden AKW also rechtlich zwingend zu beenden nicht nur aufgrund des gesetzlichen Laufzeitendes, sondern auch weil eine notwendige PSÜ fehlt.

Ist es vertretbar, ausgerechnet aus dem Krieg in der Ukraine eine Laufzeitverlängerung für Hochrisikoanlagen abzuleiten?

Nein. Im russischen Krieg gegen die Ukraine fanden auch Angriffe auf die ukrainischen Atomanlagen statt.

Im Zentrum der gesellschaftlichen Konflikte und der Entscheidung für den deutschen Atomausstieg standen und stehen Sicherheitsfragen: Die Nutzung von Atomenergie erzeugt für Mensch und Umwelt bereits im Normalbetrieb Hochrisikostoffe und hinterlässt langfristig hochgiftige und strahlende Abfälle. Durch Anwendung sehr strenger Sicherheitsvorkehrungen ist es möglich, Atomkraftwerke so zu betreiben, dass die Eintrittswahrscheinlichkeit für katastrophale Unfälle deutlich reduziert werden kann. Mehrfach in der Geschichte hat sich gezeigt, dass Unfälle nicht ausgeschlossen werden können. Die daraus resultierenden Folgen können katastrophal für eine Gesellschaft und die betroffene Umwelt sein.

Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine haben sich die Bewertungsgrundlagen für den Atomausstieg in Deutschland und anderen Ländern – das Risiko katastrophaler Unfälle – nochmals verschärft. Die vergangenen Jahrzehnte waren geprägt von Unfällen in Friedenszeiten: Die Unfälle in westlichen Reaktortypen (Windscale in Großbritannien in den 1950ern, Harrisburg in den USA 1979), der Explosion eines Reaktors sowjetischer Bauart (Tschernobyl 1986) und schließlich Havarien westlicher Reaktoren (Fukushima 2011). Mit dem 11. September 2001 ist deutlich geworden, dass auch großskalige terroristische Aktivitäten konkrete Bedrohungslagen darstellen.

Mit dem Krieg in der Ukraine sind zivile kerntechnische Anlagen zum ersten Mal zum klaren Ziel kriegerischer Auseinandersetzungen geworden. Kerntechnische Anlagen können gegen diese Form der Bedrohung nicht ausgelegt werden. Die bisherige Grundannahme, kriegerische Handlungen an Atomkraftwerken seien nicht denkbare Szenarien, muss daher revidiert werden. Entsprechend notwendige Konsequenzen müssen national und international diskutiert werden. Atomenergie wird in derartigen Fällen zur Bedrohungsenergie.

Jedes bisherige Extremereignis hat deutlich gemacht, dass es Szenarien für die Sicherheit von Atomkraftwerken gibt, die zuvor aufgrund der Undenkbarkeit ihres Eintritts nicht spezifisch im Sicherheitskonzept von Atomkraftwerken berücksichtigt wurden. Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine hat gezeigt, dass kriegerische Handlungen an Atomkraftwerken als Szenario nicht mehr ausgeschlossen werden können. Dabei beschränken sich die Bedrohungslagen nicht nur auf den Beschuss von AKW, auch sogenannte hybride Angriffe wie Cyber-Attacken sind möglich.

Demzufolge ist zu fordern, dass die Sicherheits- und Sicherungsanforderungen an Atomkraftwerke im Hinblick auf diese neuen Bedrohungsszenarien geprüft und konkrete Maßnahmen zur Erhöhung des Schutzes von Atomkraftwerken abgeleitet werden. Ihre Umsetzung wäre Teil eines Sicherheitsmaßstabes, der sich aus dem Grundgesetz ergibt und damit auch für den Gesetzgeber für die Frage einer Laufzeitverlängerung verbindlich ist. Da erfahrungsgemäß ausgeschlossen ist, dass sich derartige Maßnahmen kurzfristig umsetzen lassen, wenn überhaupt noch, stellen sie faktisch eine wesentliche verfassungsrechtliche Hürde für eine Laufzeitverlängerung dar.

Hat Deutschland mit dem Beschluss zu Atomausstieg einen "Sonderweg" eingeschlagen?

Nein. Deutschland stärkt mit seinem Ausstieg den Kreis der atomkritischen EU-Mitgliedstaaten. Die Hälfte der EU-Mitgliedstaaten hat nie auf die Nutzung der Atomkraft gesetzt. So sind Nachbarländer wie Österreich, Luxemburg und Dänemark gar nicht erst in die Atomkraft eingestiegen. Auch Belgien hält grundsätzlich am Ausstieg fest, auch wenn es kürzlich eine Laufzeitverlängerung für zwei Reaktoren beschlossen hat.

Gibt es eine Renaissance der Atomkraft?

Wenn man sich die Fakten und Zahlen weltweit anschaut, kann von einer Renaissance keine Rede sein. Weltweit sinkt der Anteil der Atomenergie sogar. Jenseits politischer Ankündigungen und Beschlüsse stellt sich die Realität wie folgt dar: In den letzten Jahren waren die wenigen existierenden AKW-Neubauprojekte in Europa überwiegend von massiven Verzögerungen und Verteuerungen, regelrechten Kostenexplosionen, geprägt. So schätzt etwa der französische Rechnungshof die Kosten für den einzigen AKW-Neubau in Frankreich in Flamanville auf rund 19 Milliarden Euro. Auch in Finnland explodieren die Kosten. Teilweise wurden Projekte sogar aus wirtschaftlichen Gründen abgesagt. Zudem: Auch in der Atomkraft gibt es eine hohe Abhängigkeit von russischem und kasachischem Uran und der staatliche Atomkonzern in Russland Rosatom ist ein wesentlicher Player im nuklearen Bereich. Daher ist davon auszugehen, dass absehbar manche Ausbaupläne erneut auf den Prüfstand gestellt werden.

Auch ökonomisch hat der AKW-Neubau immer weniger Sinn, da die Erneuerbaren Energien immer günstiger werden. Der Weltklimarat IPCC wies schon 2018 darauf hin, dass bei der Atomkraft anders als bei Wind, Solar oder Speichertechnologien keine vergleichbaren Fortschritte bei Kosten oder Machbarkeit festzustellen sind. Das gilt nach wie vor.

Kann die Energieversorgung durch Reaktoren neuester Bauart, die so genannten Small Nuclear Reactors gesichert werden und sind diese sicherer als Reaktoren alter Bauart?

Aktuell werden Konzepte wie Small Modular Reactors (SMR) als vermeintlich vielversprechender Beitrag zu einer sicheren, nachhaltigen und generationsgerechten Energieproduktion von morgen propagiert. Die Fakten sehen weitaus nüchterner aus: Technisch beruhen die Konzepte auf Ansätzen, die bereits vor Jahrzehnten entwickelt wurden, sich aber in der Praxis auf Grund gravierender und nach wie vor ungelöster Probleme nicht durchsetzen konnten. SMR verlagern die Nachteile der nuklearen Energieproduktion von (vergleichsweise) wenigen Großanlagen auf viele Kleinanlagen. Unterm Strich werden die Anlagen kleiner, die Probleme in der Summe aber eher größer. SMR sind kein Weg in die Zukunft, sondern in die falsche Richtung. Unberücksichtigt ist dabei auch die Frage, ob der Neubau vieler kleiner AKW in Deutschland überhaupt auf Akzeptanz stoßen würde.

Absehbar würde ein Wiedereinstieg viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, in Anspruch nehmen. Einen Beitrag zur aktuellen Energieversorgung können sie damit nicht leisten. Und auch mittel- bis langfristig nicht, denn angesichts der dramatischen Klimakrise muss die Energieversorgung im Wesentlichen in den kommenden ein bis zwei Jahrzehnten umgestellt sein. Mit der Energiewende hin zu Wind und Sonne hat Deutschland einen zukunftsfähigen, technisch und wirtschaftlich machbaren Weg eingeschlagen.

Ist Atomkraft klimaneutral?

Atomkraft ist weder CO2-frei noch ist sie die CO2-ärmste Art der Energieerzeugung. Denn gerade die energieintensive Brennstofferzeugung ist klimaschädlich. Hinzu kommen massive Umweltschäden und soziale Folgen beim Uranabbau. Atomkraft ist keine Option zur Klimarettung, denn sie ist zu teuer, zu langsam, zu gefährlich und nicht robust gegen den Klimawandel. Mit Strom aus Wind und Sonne gibt es längst eine viel bessere, klimafreundlichere und günstigere Alternative. Klimaschutz ist darüber hinaus eine globale Herausforderung. Mit nicht einmal fünf Prozent Anteil am weltweiten Energiemix (Primärenergieverbrauch) kann die Atomkraft hier keinen substanziellen Beitrag erbringen.